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Der folgende Text stammt von einer jüngeren Frau, die in konservativ-evangelikalen Kreisen aufgewachsen ist. Der Text zeigt auf sehr typische Weise die existentiellen Kämpfe derer, die sich aus einer verengten Frömmigkeit herausentwickeln:

Stefanie (Name wurde geändert)

Meine persönliche Befreiungstheologie

Oder: Von der Gewissheit zur Ungewissheit

Wo ich herkomme, da gibt es eine klare Theologie. Eine Theologie, die nicht hinterfragt wird und nicht hinterfragt werden darf. Die Bibel ist das inspirierte Wort Gottes, Adam der erste Mensch und die Arche Noah ein echtes, riesiges Schiff.

Wo ich herkomme, gibt es Gut und Böse, gibt es ein Drinnen und ein Draußen, ein Errettet und ein Verlorensein.

Wo ich herkomme, ist jeder dafür verantwortlich, seine und seinen Nächsten mit der „guten Botschaft“ zu erreichen. Die besagt, dass du zwar ein armer Sünder bist, es aber einen – und nur einen – Weg aus der Misere gibt.

Wo ich herkomme, lieben Männer Frauen und Frauen Männer – und das aber bitte erst in der Hochzeitsnacht.

Unsere Musik war meistens laut und pseudopoppig. Viel und lang wurde gesungen. Manchmal etwas schräg, selten wirklich schön. Mein Gott, und das in alle Ewigkeit?

Es regte sich immer wieder Widerstand, ungute Gefühle, bis hin zu Wut und Zorn. Aber die – die sind nicht von Gott. Also Buße tun und es wieder probieren.

„Gott will das Gute, er liebt Menschen, er heilt, er befreit,“ hörte ich.

Scheiße, warum fühle ich mich dann so unwohl? Warum ist mir so eng? Warum liegen Backsteine auf meiner Brust?

Dann muss wohl der Fehler bei mir liegen. Oder versucht Satan mich mal wieder vom Weg abzubringen? Nicht weniger als die Verdammnis droht, wenn du den einen rechten Weg verlässt.

Gebetsabend in der Familie. Ich will als letzte beten und hoffe, vorher einzuschlafen. Mann, bin ich eine schlechte Christin!

Mein Elternhaus ist leer, ich bin allein, wo sind sie alle? Ist Jesus zurückgekommen und hat mich in meiner Schlechtheit zurückgelassen?

Nicht nur einmal hatte ich solche Ängste.

Es gab auch Schönes, was mich dranbleiben ließ. Tolle Gemeinschaftserlebnisse auf intensiven Freizeiten. Vielleicht sogar so etwas wie Gottes-Erfahrungen. Momente des Glücks und das Gefühl, doch an etwas Schönes und Wahres angedockt zu sein.

Mit 16 zog ich von zuhause aus, doch es dauerte nochmals 10 Jahre, bis ich mich erstmals traute, mich aus dem geschlossenen System herauszuwagen. Aus diesem Glaubenshaus, das so viele Säulen braucht, um nicht einzustürzen.

Bis ich mich traute, nicht mehr in die Gemeinde zu gehen. Nicht mehr in den Hauskreis zu gehen. Und endlich, endlich meine Gefühle ernst zu nehmen. Die wachsende Dissonanz nicht mehr zu überhören.

Dazu zu stehen, dass ich die Welt nicht mehr schwarzweiss sehen will. Zu sagen, dass ich in dieser Enge nicht mehr leben will. Befreiung darin zu finden, eben nicht auf alles eine Antwort zu finden. Nicht in jeder Krankheit einen Sinn. Den Schmerz Schmerz sein zu lassen.

Mein Glaubenshaus ist nur noch ein Haufen Legosteine. Ich weiss noch nicht, welche ich davon noch gebrauchen will.

Es macht mich heute wütend, wenn ich daran denke, wie wenig es um uns als Einzelne ging und wie sehr um das Ganze. (Das Reich Gottes, die Gemeinde, den Himmel, die Errettung).

Es macht mich traurig, dass ich meinem Schulschwarm ausschlug, mit mir Pizza essen zu gehen, weil er kein Christ war und eh nicht als Ehemann in Frage gekommen wäre.

Es macht mich traurig, wie viel Sehnsucht ungelebt blieb, vie viele Küsse ungeküsst, wie viele Tänze ungetanzt.

Es ist schwierig, die Vorstellung von Gott von der Erfahrung der Enge zu lösen.

Eine Botschaft der Befreiung nicht als Last zu hören.

Ich will mich aufmachen, ganz weit aufmachen, und ganz viel zulassen. Will von anderen Menschen und ihren Erfahrungen hören. Ohne zu werten. Einfach nur hören und lernen.

Und will dabei doch Gott nicht ganz loslassen.

Weil ich eine Ahnung habe, dass es einen unbekannten und verborgenen Gott geben könnte. Der anders ist.

Ich frage mich, ob ich ihn irgendwann irgendwo finde.

Bis dahin mute ich ihm ganz schön viel zu.

Aber das hat er mir ja auch.

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