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Meine Glaubensentwicklung

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. In meiner Kindheit und Jugend spielten Religion und die Frage nach Gott keine besondere Rolle. Erst mit etwa 19 Jahren wurde ich durch Gespräche mit einem Klassenkameraden und den Besuch einer Evangelisation zu meiner eigenen Überraschung Christ. Diese Überraschung wirkt bis heute nach. Der Glaube an Gott und die Frage nach Gott gehören für mich seitdem zum Spannendsten, was es gibt. Gott wurde für mich zum großen Abenteuer meines Lebens, zu einer ungeahnten Bereicherung und Vertiefung meines Daseins, zu einer Quelle der Freude, der Zuversicht und der Inspiration und nicht zuletzt zu einer Stärkung meiner Verantwortungsbereitschaft gegenüber den Menschen und der Gesellschaft.

Die erste „Färbung“ erhielt mein Glaube innerhalb der Pfingstbewegung. Auf Einladung des betreffenden Klassenkameraden schloss ich mich für ungefähr 10 Jahre der Pfingstbewegung an. Ich lernte das Gemeindeleben einer pfingstlichen Gemeinde in Schorndorf (bei Stuttgart) kennen. Das war eine sehr wertvolle Zeit für mich. Ich blicke dankbar auf sie zurück. In dieser Zeit war ich auch Schüler einer pfingstlichen Bibelschule („Beröa“ in Erzhausen, bei Darmstadt). Später war ich dort auch zwei Jahre Gastlehrer. Die Innigkeit und Emotionalität des Glaubens sowie die charismatischen Erfahrungen haben mich – bis heute – in tiefer Weise berührt und geprägt.

Dennoch habe ich mich aus der Pfingstbewegung nach und nach herausentwickelt. Bei aller Dankbarkeit und bei allem Zugehörigkeitsgefühl, empfand ich bestimmte Merkmale des pfingstlichen Frömmigkeitsstils zunehmend als bedrückend: eine weitverbreitete Enge in der Gewissensprägung, eine Ängstlichkeit und Fremdheit gegenüber der Bildung und der Wissenschaft (vor allem gegenüber der Theologie, Philosophie und Psychologie). Das führt zu vielen Vorurteilen. Auch was das Bibelverständnis betrifft, wurden mir immer stärker bestimmte Einseitigkeiten und Grenzen bewusst. Ich erkannte immer deutlicher, dass das „fundamentalistische“ Bibelverständnis – das ich in der Pfingstbewegung als das „einzig richtige“ kennengelernt habe – dem Reichtum der Bibel und der Eigenart ihrer Texte nicht gerecht wird.

Die zweite Phase in meiner Glaubensentwicklung war die Zeit des Studiums. Ich studierte zuerst Geschichte und Politik für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Nach dem Examen studierte ich dann Ev. Theologie an den Universitäten Heidelberg, Münster und Tübingen. Die Welt des Studiums und der Hochschulen veränderten meinen Horizont und meine Sicht der Dinge erheblich. Wie meine Zeit auf der pfingstlichen Bibelschule, so habe ich auch die Zeit des Studiums als ein großes Geschenk erlebt. Die Kombination aus pfingstlicher Bibelschule und Universitätstheologie war für mich ein enormer Gewinn. Ich möchte die Erfahrungen dieser beiden Welten nicht missen und sie nicht gegeneinander ausspielen. Im Gegenteil, gerade die Verknüpfung dieser beiden Welten wurden zu einem charakteristischen Merkmal meiner Biographie. Auf der anderen Seite wurde mir klar, dass die gedankliche Qualität und Tiefe des Studiums, wie sie an den staatlichen Universitäten möglich ist, mit der theologischen Qualität einer Bibelschule nicht zu vergleichen ist.

Eine besondere Entdeckung waren für mich Martin Luthers reformatorische Grunderkenntnisse. Luthers Verständnis der Rechtfertigung und seine Unterscheidung von „Gesetz und Evangelium“, die für die Theologie von grundlegender Bedeutung ist, habe ich so in keiner der mir näher bekannten Freikirchen gefunden. Ich bin durch das Studium und durch meine Doktorarbeit – die sich mit der Theologie Martin Luthers beschäftigt – zu einem reformatorischen Theologen geworden. Dabei blieb ich aber offen für die erweckliche Frömmigkeit, für evangelistische Projekte und für die Welt der Freikirchen. Auch die katholische Theologie habe ich von innen her kennen- und schätzen gelernt. Heute bin ich durch und durch ökumenisch ausgerichtet. Ich glaube nicht, dass eine Kirche “besser” ist als eine andere. Die großen Herausforderungen unserer Zeit können wir Christen nur gemeinsam bewältigen.

Die dritte Phase in meiner Glaubensentwicklung war die Zeit meiner Lehrtätigkeit. Sieben Jahre war ich Dozent für Religionspädagogik an der Hochschule für Diakonie in Ludwigsburg  („Karlshöhe“). Danach war ich 20 Jahre Professor der Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Mit diesen 27 Jahren Lehrtätigkeit ging für mich ein Traum in Erfüllung. Es war eine ausgesprochen glückliche Zeit. Die Schwerpunkte meiner Lehrtätigkeit waren: Einführung in die Bibelwissenschaft, die biblische Botschaft und ihre Relevanz für die heutige Zeit, die Theologie Martin Luthers, der christlich-jüdische Dialog, der christlich-islamische Dialog, Leitperspektiven christlicher Erziehung. Meine Aufgabe, künftige Religionslehrer/innen für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen auszubilden, machte es erforderlich, zwischen der wissenschaftlichen Theologie und den Lebensfragen heutiger junger Menschen zu vermitteln. Da viele der Studierenden pietistisch, evangelikal oder charismatisch geprägt waren, wurde ich in dieser Zeit auch zu einem Brückenbauer zwischen der modernen Bibelwissenschaft und einer erwecklichen Frömmigkeit. Dabei kam mir meine eigene Biographie sehr zugute. In diesem Zusammenhang schrieb ich das Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts“ (Vandenhoeck-Ruprecht Verlag Göttingen, 4. Auflage 2012). Die Aufgabe des Brückenbauens ist auch außerhalb der Päd. Hochschule zu einem wichtigen Teil meiner Vortragstätigkeit geworden.

Jesus aus Nazareth ist aufgrund seines öffentlichen Wirkens, seines Kreuzestodes und seiner Auferweckung von den Toten durch Gott zur zentralen Gestalt des christlichen Glaubens geworden. Mit ihm steht und fällt der christliche Glaube. Auch für mich ist Jesus Christus die alles entscheidende Orientierung und Hoffnung. Mit ihm steht und fällt der christliche Glaube. Es geht im christlichen Glauben nicht in erster Linie um eine Weltanschauung, eine Moral, ein Programm oder um einen Lebensstil (so wichtig das alles sein mag). Es geht vielmehr darum, diesen Mann näher kennenzulernen, ihm zu vertrauen und durch ihn zu Gott zu finden. Jesus Christus ist auch der Schlüssel zur biblischen Botschaft. Diese dem heutigen Menschen näher zu bringen – möglichst spannend und einladend – ist seit Jahrzehnten zu meiner Lebensaufgabe geworden.

Ich bin kein konservativer Mensch und kein konservativer (evangelikaler) Theologe. Ich bin aber auch kein „liberaler“ Theologe. Ich fühle mich nicht in erster Linie einer bestimmten theologischen „Position“ verpflichtet (die ich durchaus habe), sondern der Einheit der Gemeinde Jesu, d.h. der Zusammengehörigkeit aller Christen. Angesichts der Vielfalt der christlichen Meinungen und Frömmigkeitsstile halte ich es jedoch für unverzichtbar, einige Qualitätsstandards zu betonen: Ich möchte einen christlichen Glauben fördern, der zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Dazu gehört die Wertschätzung der Bildung und (auch theologischen) Wissenschaft, die Berücksichtigung der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung und die Freiheit zum kritischen Denken. Das uneingeschränkte Vertrauen in Gott und die Freiheit zum kritischen Denken bilden keinen Gegensatz, sondern gehören zusammen. Ich möchte auch dazu beitragen, dass eine unnötige religiöse Enge überwunden wird. Religiöse Enge hilft dem christlichen Glauben nicht, sondern schadet ihm. Ich denke dabei vor allem auch an die Entwicklungs- und Entfaltungschancen der Kinder und Jugendlichen. Diese Entfaltungschancen sollen nicht durch ein zu enges Korsett eingeschnürt werden. In diesem Zusammenhang ist mir ein Wort des Liedermachers Clemens Bittlinger sehr wichtig: „Wer dir deine Flügel stutzt, hat die eignen nicht benutzt“.

Mit vielen anderen Christen aus allen Konfessionen möchte auch ich mich für die Erneuerung des christlichen Glaubens engagieren. Deshalb begnüge ich mich nicht mit dem Wiederholen traditioneller Antworten. Es geht mir um einen neuen, möglichst unverstellten Zugang zum christlichen Glauben. Im Blick auf dieses Ziel bevorzuge ich bei meinen Vorträgen eine einfache und anschauliche Sprache. Auf diese Weise sollen meine Vorträge möglichst viele Menschen erreichen, ihr Denken herausfordern, vor allem aber ihre Herzen berühren.

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