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Vorbemerkungen

In dieser Rubrik möchte ich kürzere, prägnante Texte von Autorinnen und Autoren vorstellen, die ich für besonders lesenswert halte. Es sind Texte von Menschen, die ihren eigenen bisherigen Horizont – in den sie durch ihre Kindheit und Jugend hineingewachsen sind – mutig überschritten haben.  Die Lernprozesse, die in diesen Texten zum Ausdruck kommen, sollen all diejenigen ermutigen, die sich in ihren bisherigen als zu eng empfundenen religiösen Gehäusen nicht mehr wirklich zuhause fühlen und in neue, weitere Horizonte aufbrechen wollen.

Texte anderer Autoren

Meine persönliche Befreiungstheologie
Oder: Von der Gewissheit zur Ungewissheit

Wo ich herkomme, da gibt es eine klare Theologie. Eine Theologie, die nicht hinterfragt wird und nicht hinterfragt werden darf. Die Bibel ist das inspirierte Wort Gottes, Adam der erste Mensch und die Arche Noah ein echtes, riesiges Schiff.

Wo ich herkomme, gibt es Gut und Böse, gibt es ein Drinnen und ein Draußen, ein Errettet und ein Verlorensein.

Zum Nachdenken
Jürgen Mette

„Nichts macht den Menschen so radikal blind, taub und ungehorsam, als der sichere Besitz einer unfehlbaren Lehre.“ (Wilhelm Stählin)

Genau da komme ich her. Mein stolzes Herz und Wesen musste erst geschüttelt und gerührt werden, bis mir dieses Wunder bewusst geworden ist.

Und die hohe Segensschule Parkinson hat mich genau da heraus geführt. Danke, mein himmlischer Vater.

Gott hätte seine Offenbarung für die Welt in atomsicheren Bunkern für ewig isolieren und konservieren können. Einen von ihm diktierten und gespeicherten Kodex wasserdicht, feuerfest, unangreifbar.

Was macht er stattdessen?

Der Aufbruch
Franz Kafka 

Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« »Du kennst also dein Ziel«, fragte er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch: ›Weg-von-hier‹ – das ist mein Ziel.« »Du hast keinen Eßvorrat mit«, sagte er. »Ich brauche keinen«, sagte ich, »die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.«

Neuland
Barbara Vollmer-Backhaus

Sie müssen Zoll entrichten“, sagt mir der Grenzposten, als ich Neuland betreten will. „Jeder Übergang kostet etwas.“

„Was muss ich zahlen?“, frage ich und zücke den Geldbeutel, der angefüllt ist mit meinem bisherigen Leben. „Bequemlichkeit, Gewohnheit und Sicherheit“, sagt mir der an der Grenze.

„So teuer ist das?, frage ich zögernd. „Ja, billiger sind Übergänge nicht zu haben“, sagt der Grenzposten, „aber dafür führen sie ins Leben!“

Ute Rink, Liederautorin

„Wer dir deine Flügel stutzt, hat oft die eignen nie benutzt.“

Sprichwort, Quelle unbekannt

„Wenn der Wind des Wandels weht,
bauen die einen Menschen Schutzmauern,
die anderen Windmühlen.“

In bestimmten christlichen Kreisen wird folgendes Kinderlied gern gesungen, das dazu geeignet ist, mutige Aufbrüche in neue Horizonte zu verhindern. Alle Möglichkeiten eines Aufbruchs/Ausbruchs werden genau benannt, damit kein „Entkommen“ bleibt. Was für eine grausame Religiosität! Was für eine Entstellung Gottes! Wer hat ein Interesse daran, dass solche Kinderlieder gesungen werden?

Pass auf kleines Auge, was du siehst.
Pass auf kleines Auge, was du siehst.

Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich.
Drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!

Pass auf kleines Ohr, was du hörst.

Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst!

Pass auf, kleine Hand, was du tust!

Pass auf, kleiner Fuß, wo du gehst!

Pass auf, kleines Herz, was du glaubst!

Pass auf, kleines Ich, werd nicht groß!

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